{"id":625,"date":"2009-05-17T10:21:54","date_gmt":"2009-05-17T09:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.soarch.net\/?p=625"},"modified":"2017-01-03T20:37:09","modified_gmt":"2017-01-03T19:37:09","slug":"ab-in-die-wuste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.natascha-manski.de\/?p=625","title":{"rendered":"In die W\u00fcste geschickt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf dem Kamel in einer Karawane durch die nordwestliche Sahara<\/strong><\/p>\n<p>Pechschwarzer Himmel mit vielen funkelnden Sternen w\u00f6lbt sich \u00fcber kilometerlangen D\u00fcnen. Kamele bewegen sich lautlos zwischen ausgebreiteten Schlafs\u00e4cken. In einer Feuerstelle brennt der Rest der Glut. Ein schwacher Geruch von Pfefferminztee liegt in der Luft. Es ist Nacht in der Sahara.<br \/>\nAdi beeindruckt dieses Szenario wenig. Der Berber ist seit 20 Jahren als Kameltreiber in der nordwestlichen Sahara in Marokko unterwegs, die W\u00fcste ist f\u00fcr ihn Arbeitsplatz und Wohnzimmer zugleich. \u201eAuf geht\u2019s, wir wollen weiter\u201c, sagt der Nomade am n\u00e4chsten Morgen und zieht den Sattelgurt seines Kamels fester. Das Lastentier beschwert sich, bl\u00f6kt laut und guckt seinen Chef vorwurfsvoll an.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4575\" src=\"http:\/\/www.soarch.net\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"332\" srcset=\"https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-1-1.jpg 500w, https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-1-1-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-1-1-452x300.jpg 452w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p><strong>Raus aus der Zivilisation<br \/>\n<\/strong>Mit jedem Schritt auf den gem\u00e4chlich im Passgang laufenden Kamelen entfernt sich die Karawane ein St\u00fcck von der Zivilisation, l\u00e4sst die Stadt Zagora hinter sich, duchquert Stein- und Ger\u00f6llw\u00fcsten und taucht in eine feine Sandw\u00fcste ein. Nun wird die Sicht in jeder Himmelsrichtung nur noch vom Horizont begrenzt, sieht eine fein geschwungene D\u00fcne aus wie die n\u00e4chste. Sp\u00e4testens in der Sandw\u00fcste lasse die meisten Menschen der Orientierungssinn im Stich, erz\u00e4hlt Adi und l\u00e4chelt. \u201eSie laufen\u201c, sagt er, und malt in der Luft mit seiner zerfurchten, ledrigen Hand kleine Kringel in die Luft, \u201edann immer nur im Kreis\u201c.<\/p>\n<p><strong>S\u00fc\u00dfer Pfefferminztee<br \/>\nund fremde Ges\u00e4nge<\/strong><br \/>\nEtwa 25 Kilometer legen die Kamele t\u00e4glich zur\u00fcck, bef\u00f6rdern Menschen, Lebensmittel, T\u00f6pfe und Zelte zum n\u00e4chsten Schlafplatz unter freiem Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4577\" src=\"http:\/\/www.soarch.net\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-3-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"196\" \/><\/p>\n<p>Und gro\u00dfe Kanister tragen sie auch. Die Plastikbeh\u00e4lter haben gleich zwei Aufgaben: Zun\u00e4chst bef\u00f6rdern sie Trinkwasser, wenn sie leer sind, werden sie zum Instrument. Wie das geht? \u201eGanz einfach\u201c, lacht Adi und beginnt, auf dem Resonanzk\u00f6rper zu trommeln. Das macht er oft, abends, nachdem sich die G\u00e4ste der Karawane vor dem Feuer versammelt und gekochtes Hammelfleisch oder Couscous aus Tont\u00f6pfen gegessen haben. Wenn die Messingkanne mit duftendem Pfefferminztee und Zucker die Runde macht, gibt Adi den Rhythmus auf dem Kanister vor und beginnt zu singen. Von den Weiten der W\u00fcste und von unerf\u00fcllter Liebe. Die T\u00f6ne sind laut, die Schl\u00e4ge klingen dunkel, die Melodien arabisch und fremd. \u201eWer die Einsamkeit scheut, ist falsch in der Sahara\u201c, sagt Adi, und legt den Kanister zur Seite.<\/p>\n<p><strong>Tomaten f\u00fcr Tabletten<\/strong><br \/>\nManchmal bekommen aber auch die Kameltreiber Besuch. In der N\u00e4he der algerischen Grenze l\u00e4uft ein dreik\u00f6pfiger Soldatentrupp auf die Karawane zu, bewaffnet und mit m\u00fcrrischen Gesichtern. Adi marschiert den Fremden entgegen und kommt schlie\u00dflich mit einer Plastikt\u00fcte zur\u00fcck. \u201eEiner der M\u00e4nner hat Zahnschmerzen\u201c, l\u00e4chelt der Berber, und verstaut die T\u00fcte, \u201eTomaten f\u00fcr Tabletten \u2013 ein guter Handel.\u201c<br \/>\nDie Landschaft ver\u00e4ndert sich, der Sand weicht Ger\u00f6ll und Steinen, Str\u00e4uchern und Tamarisken. Die Karawane zieht weiter, n\u00e4chstes Ziel ist die kleine Oase Oulad Driss. Hier wohnen einige Familien, Kinder in farbenfrohen Hosen und Pullovern springen aufgeregt um die Gruppe herum, die weiter entlang des Oued Draa zur\u00fcck Richtung Norden zieht.<\/p>\n<p><strong>Hei\u00dfe Glut wird<br \/>\nzum Backofen\u00a0<\/strong><br \/>\nDas Feuer entfacht Adi am Abend nicht nur f\u00fcr den Pfefferminztee. Brotteig wird auf der mit Sand bedeckten Glut ausgebreitet, auf ihm verteilt Adi angez\u00fcndete Palmwedel und wieder Sand \u2013 der Teig wird so von beiden Seiten gebacken. Nach wenigen Minuten duftet es k\u00f6stlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4576\" src=\"http:\/\/www.soarch.net\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-2-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" \/><\/p>\n<p>Die Farben am Himmel ver\u00e4ndern sich von Orange \u00fcber Glutrot bis zu Violet, schlie\u00dflich verschwindet die Sonne ganz. Die Kamele machen sich auf die Suche nach Futter und die Karawanenmitglieder nach einem Schlafplatz auf einer D\u00fcne. Bevor sich die Runde am Feuer ganz aufl\u00f6st, guckt Adi noch einmal in den Himmel und deutet auf die funkelnden Sterne. \u201eSch\u00f6n, nicht wahr?\u201c, sinniert er und l\u00e4chelt, \u201ein der Stadt k\u00f6nnte ich nie leben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4578\" src=\"http:\/\/www.soarch.net\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-4-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-4-1.jpg 500w, https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-4-1-300x196.jpg 300w, https:\/\/www.natascha-manski.de\/wp-content\/uploads\/2009\/05\/marokko-4-1-459x300.jpg 459w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Erschienen in der WaS, Mai 2009<br \/>\nText: Natascha Manski\/Bilder: Reinhold Manski<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Kamel in einer Karawane durch die nordwestliche Sahara Pechschwarzer Himmel mit vielen funkelnden Sternen w\u00f6lbt sich \u00fcber kilometerlangen D\u00fcnen. 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